Dienstag, 9. Juni 2015
Hallo Mama,
ich möchte Dir lieber schreiben, um eine gewählte Wortwahl finden zu können und ich hoffe Dir auf diesem Weg mein tiefstes Inneres beschreiben zu können. Die letzten Jahre sind mir sehr schwer gefallen. Die Last die ich trage ist mir zu groß geworden. Ich halte den Druck nicht mehr aus. Ich muss mir festen Boden unter den Füßen schaffen! Dieses kann mir nur durch einen festen Standpunkt gelingen. Eine schöne Kindheit konntest mir, Du und unsere Familie nicht bieten. Wir hatten es alle nicht so leicht. Dennoch habe ich jede Gelegenheit genutzt mir bei anderen Familien und bei Freunden etwas Geborgenheit und Kraft zu erhaschen. Kraft, um so zu sein, wie ich wirklich bin. Es hat mich sicherlich geprägt, aber ich möchte nicht in alten Wunden rumstochern. Vergangenes ist vorbei und lässt sich nicht mehr ändern. Dein Angebot, mich der Religion zu widmen, habe ich nicht angenommen – jedoch kommt es mir so vor, als wäre dies der einzige Weg in unserer Familie Fuß fassen zu können oder sogar zu dürfen. Du bist meine Mutter und mir ist klar dass du es bleiben wirst.
Ich liebe Dich.
Ich kann Dich auch nicht verstoßen oder verdrängen.
Du hast Dich für die Religion entschieden und ich lasse Dich gehen, aber mein Leben kann ich nicht dafür opfern. Die Telefonbeziehung die wir schon seit Jahren pflegen, war nicht sehr aufrichtig. Ich habe Dir einfach Alles verschwiegen, was die Religion nicht akzeptiert hätte und du hast Dich zwar auch mit deinen religiösen Ansichten zurück genommen, mir aber dennoch vermittelt wie traurig es Dich macht – mich auf dem falschen Weg (Deiner Ansicht nach) zu sehen. Ich muss mich von dieser Last lösen! Es ist eine gewaltige Kraft und Macht die eine Mutter und ihr Kind verbindet und ich fürchte diese sehr. Ich hoffe wir finden eine Möglichkeit, welche uns Beide leben lässt. Liebe kann auch bedeuten jemanden gehen zu lassen. Auf ein merkwürdiges, verzweigtes Abkommen, kann ich mich nicht mehr einlassen. Als schlechter und verlorener Mensch, möchte ich deinen Blick nicht mehr ertragen müssen.

Ich habe nie so richtig verstanden warum? Ein ungeschriebenes Gebot in unserer Familie scheint es zu sein, dass man über nichts Persönliches redet, alles verschweigt und in sich hinein frisst bis man platzt. Lieber nichts sagen, bevor man etwas Falsches spricht und das führt dann unter Umständen dazu dass niemals etwas gesprochen wird. Ich habe mich dafür entschieden mein eigenes Leben zu führen und hiermit möchte ich Dir das mitteilen. Vielleicht war das schon immer klar, aber darüber gesprochen – haben wir nie so richtig. Ich lebe schon länger ein Leben fernab von deinen Vorstellungen und ich möchte das nicht mehr geheim halten und ich kann es auch nicht mehr verstecken. Zu ernst und zu wertvoll ist mir die Zeit. Ich teile meine schönsten stunden schon seit einiger Zeit mit einem Mann und ich fühle mich sehr wohl dabei. Es ist nicht erschreckend und ich fühle mich dabei auch nicht schlecht. Es fühlt sich richtig an und gut. Ich vermute stark, dass Du so etwas schon lange geahnt hast. Mir war es schon als kleiner Junge klar. Ich frage nicht nach deiner Erlaubnis. Ich möchte Dich für nichts verantwortlich machen. Ich möchte Atmen dürfen und ein freies Leben leben.

Ich hoffe du kannst einen Weg für Dich finden damit umzugehen und mich vielleicht sogar irgendwann so akzeptieren wie ich wirklich bin, auch wenn es kein Erfolg für Dich ist. Mein Erfolg ist es, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und ich könnte nicht behaupten, diese gut und bedacht überlegt zu haben. Da es für uns keinen Zusammenhalt in Freiheit zu geben scheint, bin ich mir bewusst darüber, dass es sich hierbei wahrscheinlich um ein lebe wohl handelt. Mit Sicherheit, ein Abschied von der vergangenen Zeit, aber auch einen für die Zukunft nehme ich in Kauf. Dieser Brief soll jetzt keine Aufforderung auf eine schnelle Reaktion sein. Ich möchte Dir damit lediglich meinen festen Standpunkt vorstellen. Von meiner Seite her ist es völlig in Ordnung, wenn wir uns beide erst die Zeit nehmen um Alles wirken zu lassen und vielleicht über Alles nachzudenken.
Dein Sohn

Tom

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Ernährungskaskade
Der Begriff bezeichnet kaskadenartige Störungen, zu denen es zwischen Ernährungsebenen kommt - das heißt, zwischen den verschiedenen Gruppen von Organismen, die in der Stufenfolge der Energieübertagung innerhalb eines Ökosystems zusammengeschlossen sind. Das Ökosystem selbst ist nicht einfach eine Landschaft voller Pflanzen- und Tierarten; es ist ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, das Beziehungen umfaßt wie die zwischen Raubtieren und ihrer Beute, blühenden Planzen und ihren Bestäubern, fruchttragenden Pflanzen und den Tieren, die für die Ausbreitung der Samen sorgen. Jede solche Beziehung stellt eine Verbindung zwischen Ernährungsebenen her. Ernährungskaskaden, sind die Sekundäreffekte, die das Aussterben einer einzigen Spezies von einer Ebene zur anderen nach sich zieht. Mit seinen Worten gesagt (Diamond):" Da die Arten hinsichtlich des Umfangs, in dem sie vertreten sind, auf vielfältige Weise voneinander
abhängen, hat normalerweise das Verschwinden einer einzelnen Spezies kaskadenartige Auswirkungen auf die zahlenmäßige Größe der Arten, denen sie als Beutetier, als Bestäuber oder als Samenausbreiter dient." Am unteren Ende der Größenskala steht die betreffende Spezies dann natürlich in der Gefahr, zur todgeweihten Rarität zu werden.

Als Beispiel führt Diamond ein Pflanzengruppe an, die offenbar - sekundär - Opfer der Malaria ist. "Alle fünf Arten der auf Hawaii endemischen Pflanzengattung Hibiscadelphus sind ganz oder nahezu ausgestorben, weil ihre Bestäuber, die Hawaiischen Kleidervögel verschwunden sind, deren lange gekrümmte Schnäbel zu den engen, gekrümmt röhrenförmigen Blüten der Pflanzen passen." Die Ausgefallene Form der Blüten hat eine exklusive Beziehung zwischen Pflanze und Bestäuber zur Folge. Eine längere Geschichte wechselseitiger Anpassung scheint die Schnäbel bestimmter Kleidervögelarten auf die Blüten bestimmter Arten von Hibiscadelphus abgestimmt zu haben, unter Ausschluß anderer honigsammelnder Tiere ( wie Bienen, Falter, Fledermäuse ). Wenn sich das so verhält, dann können die Arten von Hibiscadelphus, nachdem die Kleidervögel von der Malaria hingerafft worden sind, nicht mehr bestäubt werden. Während die älteren Pflanzen absterben, keimen keine neuen Pflanzen, um sie zu ersetzen. Am Ende sind die Pflanzenarten dann ausgestorben. Ihr Verschwinden ist ein Sekundäreffekt des Verschwindens der Vögel. Diesen Mechanismus nennt man Ernährungskaskade.



"Der Gesang des Dodo"
David Quammen

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